Neue Straßen- und Platzbenennungen in Floridsdorf: Rathaus&WienKultur erweisen sich als blamabel uninformiert

 Über einstimmige Anträge des Bezirksparlaments hat der Gemeinderatsausschuss für Kultur, Wissenschaft und Sport in seiner jüngsten Sitzung die Namensgebung mehrerer künftig zu schaffender Plätze, Straßen, Gassen und Wege in Floridsdorf beschlossen. So wird es auf dem für den Wohnbau zu erschließenden Gelände des ehemaligen Leopoldauer Gaswerkes künftig einen „Marie-Lang-Weg“ (Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin), einen „Kishonweg“  (Schriftsteller, Satiriker) und einen „Jeannie-Ebner-Weg“ (Schiftstellerin, Redakteurin, Übersetzerin) geben.
Auf dem ehemaligen Roik-Industriegelände an der Ödenburger Straße werden Verkehrswege mit „Hutterplatz“ (Maler),  „Ottilie-Bondy-Promenade“ (Frauenrechtlerin), „Nekulagasse“ (Amtsführender Stadtrat und Gemeinderat) und „Gretl-Schörg-Weg“ (Schauspielerin und Sängerin) benannt.
Ein einziger Antrag wurde nicht einstimmig – gegen die Stimmen der Grünen – beschlossen:  „Südmährer-Platz“ auf dem ehemaligen Roik-Gelände. Hier zeigten die Grünen ihre „ewiggestrige“ Gesinnung deutlich zur Schau: Man könne dieser Benennung nicht zustimmen, weil man damit wohl die tschechische Regierung verärgere… – „Dass sich danach aber auch der zuständige Gemeinderatsausschuss mehrheitlich dieser verkrusteten Denkungsweise anschloss, ist schlichtweg unfassbar“, sagt WIFF-Bezirksrat Hans Jörg Schimanek. „Diese Herrschaften haben offenkundig nicht nur hohen geschichtlichen Nachholbedarf, an ihnen geht auch die Gegenwart spurlos vorüber“.
Als Begründung der Ablehnung des Antrages auf Benennung eines „Südmährer-Platzes“ führt die MA-Kultur u. a. wie folgt an: „…Die Stadt Wien bekennt sich in ihrer Gedenkkultur, und dazu zählen Verkehrsflächen ebenso wie Gedenktafel und Publikationen jeglicher Art, zum Grundsatz, keine Nationalismen zu fördern und Handlungen zu unterlassen, die potentielle Missverständnisse zur Folge haben könnten. Eine Benennung, wie die im konkreten Fall erwogene, kann möglicherweise zu genau solchen führen“... – Angesichts dieser Zeilen der Kulturabteilung verstehe den Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny wer will, der da in einer Presseaussendung zu Verkehrsflächenbenennungen in Floridsdorf u. a. ausführt: „…Straßen dienen nicht nur der Orientierung und Identifikation mit einem Grätzl, sondern fördern auch die kollektive Erinnerung…“
WIFF-Bezirksrat Hans Jörg Schimanek dazu lakonisch: „Was jetzt..?“
Ödenburgerstr.-Schild
Roik-Gründe
 Daher hier als Nachhilfe in Gegenwarts- und Geschichtskunde an die Kulturabteilung:
1945 nach Kriegsende kamen zehntausende Heimatvertriebene auch aus Südmähren nach Österreich. Darunter viele Überlebende des berüchtigten Brünner Todesmarsches. Sie alle haben danach mit ganzer Kraft am Wiederaufbau unseres Landes, auch der Stadt Wien, mitgewirkt. Aber auch die alte Heimat wurde und wird nicht vergessen und die immer öfter gemeinsam mit den Tschechen praktizierte Versöhnung spiegelt sich in vielen grenzüberschreitenden Aktivitäten wider. So steht demnächst die 500-Jahr-Feier von Joslowitz (heute Jaroslavice) bevor, an der Delegationen der in Österreich lebenden Südmährer gemeinsam mit den ortsansässigen Tschechen teilnehmen werden. Und die Stadt Brünn beteiligt sich an der Bewältigung des Geschehenen ebenfalls in beispielhafter Weise. Gemeinsam mit südmährerstämmigen Österreichern und Tschechen findet im Gedenken an den Brünner Todesmarsch ein Marsch in umgekehrter Richtung – von der österreichischen Grenze nach Brünn – statt. Allen voran wird der Bürgermeister von Brünn mit dabei sein…
Mittlerweile hat die Sudetendeutsche Landsmannschaft Bürgermeister Häupl und Kulturstadtrat Mailath-Pokorny kontaktiert und um Aufklärung und Widerruf der Ablehnung des Floridsdorfer Benennungsantrages auf „Südmährer-Platz“ ersucht. Ein Ergebnis steht noch aus.
Dazu WIFF-Bezirksrat Schimanek abschließend: „Ich bin sicher, die Herren werden sich erinnern, dass auch sehr prominente Südmährer nach dem Krieg für Wien und Österreich gewirkt haben: So etwa die beiden Bundespräsidenten Karl Renner und Adolf Schärf oder NÖ-Landeshauptmann Siegfried Ludwig…“
Ludwig
Renner
Schärf
Foto: Der Standard/Cremer (1)